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Pressemitteilungen

Artikel vom 10.07.2020 | zurück zur Übersicht

Wie scheinbar die Corona-Gefahr im Landkreis Cloppenburg eintraf

Schüler, Lehrer und Gesundheitsamt blicken zurück auf besondere Klassenfahrt

Während der Klassenfahrt wurde das Skigebiet in Südtirol, genauso wie die ganze Region, zum Corona-Risikogebiet erklärt. Die Empfehlung des Cloppenburger Gesundheitsamtes, Abstand zur Bevölkerung zu halten, konnte in den Bergen gut umgesetzt werden. Foto: BBS Technik

Landkreis Cloppenburg. Heute gehören die Worte Coronavirus, Quarantäne und Risikogebiet zu unserem Alltag. Für Schüler und Lehrer der BBS Technik und das Gesundheitsamt des Landkreises Cloppenburg begann mit einer Klassenfahrt nach Südtirol im März der Ernstfall. Anlässlich zum Ende des Schuljahres blickt die Kreisverwaltung zusammen mit der Reisegruppe zurück auf den Anfang der Maßnahmen gegen Covid-19, eine besondere Zusammenarbeit und gewährt Einblick hinter die Kulissen des ersten großen Einsatzes des Gesundheitsamts während der Corona-Pandemie.

„Sollen wir abbrechen?“ Diese Frage beschäftigte den stellvertretenden Schulleiter Dr. Andreas Berndt öfter vor der Studienfahrt ins Skigebiet nach Südtirol, das während der Anfahrt zum Risikogebiet erklärt wurde. „Aber es war vorher kein Risikogebiet, eine Stornierung mit Kostenerstattung war nicht möglich“, erinnert sich Berndt. Es gab Gespräche mit den Kursleitern, den Eltern und Schülern und der Herberge vor Ort. Zu diesem Zeitpunkt schaute Europa noch erstaunt nach Italien, wo Restaurants und Betriebe geschlossen wurden, Reiseverbote ausgehängt und ein medizinischer Notstand immer deutlicher wurde. Im Einvernehmen entschieden alle Beteiligten: Die Fahrt soll stattfinden. „Mit einem schlechten Gewissen hätten wir die Schüler und Lehrer niemals fahren lassen“, betont Berndt heute.

Während der Busfahrt prüft der Abteilungsleiter Dr. Olaf Kummer am Anreisetag im März dieses Jahres regelmäßig die Risikobewertung für die Zielregion: Alles im grünen Bereich. Nach Mitternacht, praktisch bei der Ankunft folgt der Schock: Südtirol wurde zum Corona-Risikogebiet erklärt. „Wir kamen an und auf einmal ging es darum, ob wir gleich weiter nach Österreich fahren oder wieder nach Deutschland“, erinnert sich Schüler Lorenz Gravenhaus. Die Telefone laufen heiß, nach Deutschland zur BBS, nach Österreich, zum Gesundheitsamt des Landkreises Cloppenburg. „Ich hatte eine Handynummer vom Gesundheitsamt und wir haben am Wochenende zu fast jeder Tageszeit im Stundentakt telefoniert“, sagt Andreas Berndt. Welche Frage auch immer aufkam, das Gesundheitsamt hätte schnell eine Lösung für das Problem präsentiert.

Schließlich bleibt die Klasse vor Ort. Das Gesundheitsamt spricht Empfehlungen aus, wie sich die Gruppe vor Ort zu verhalten hat: Kaum Kontakte zur Bevölkerung, unter sich bleiben. „Im Gebiet war aber nichts mehr los, es war leicht, sich daran zu halten“, findet Schülerin Celina Hackmann. Die Schüler müssen selbst ihre Betten machen, sitzen alleine in Gastronomien und decken in der Herberge selbst die Tische, um so wenig Kontakt wie möglich zu den Einheimischen zu haben. „Beim Skifahren waren wir eh vollkommen vermummt mit Schal und Schutzbrille“, scherzt Lehrerin Johanna Albers. Der Skibetrieb beginnt am ersten Tag und sorgt für eine unerwartete Wendung und Kontakt mit der Bevölkerung, wo er eigentlich nicht passieren sollte: Eine Schülerin erleidet einen Bruch und muss mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus vor Ort gebracht werden. Dorthin, wo wohl am ehesten Kontakt zu Infizierten passieren könnte. Ungewohnte Sicherheitsvorkehrungen erwarten sie und ihre Lehrkraft. Der Mundschutz wird für beide erstmalig zur Pflicht. Dass dieser wenige Monate später auch in der Heimat für lange Zeit zum Alltag werden würde, ahnt zu diesem Zeitpunkt noch niemand.

Während die Klasse das Skifahren in Theorie und Praxis in einem wohl nie wieder so leeren Skigebiet erlernt, laufen in Cloppenburg die Vorbereitungen für ihre Rückkehr. „Es gab viel zu klären, da alle Kursteilnehmer im Anschluss in häusliche Quarantäne mussten. Gibt es Risikopersonen im Haus? Wo soll der Bus ankommen? Wie müssen sich die Eltern verhalten? Wie können die Schüler von ihrer Familie im selben Haushalt getrennt leben und ist das bei allen Schülern möglich? Im Nachhinein war es die richtige Entscheidung, die Klassenfahrt nicht sofort abzubrechen, sonst hätte uns die Zeit zur Klärung all dieser Fragen gefehlt“, ist sich der stellvertretender Schulleiter Dr. Andreas Berndt heute sicher. Mittlerweile wird auch in den Medien über die Klassenfahrt ins Risikogebiet berichtet. Die Menschen im Landkreis verfolgen gebannt, wie sich die Lage entwickelt. Das Coronavirus könnte erstmalig im Landkreis Cloppenburg ankommen.

Vier Tage nach Ankunft reist die Klasse zurück. Mittlerweile wurden auch die Skipisten gesperrt. Einige Schüler zeigen Symptome, die auf eine Infektion hindeuten könnten: erhöhte Temperatur, Husten oder Schnupfen zum Beispiel. Auf früheren Klassenfahrten war das nie Grund zur Sorge, schließlich erkältet man sich schnell in den Bergen und manche husten durch die Klimaanlage des Busses. In der Feuerwehrtechnischen Zentrale in Cloppenburg laufen die Vorbereitungen für die Ankunft der Schüler auf Hochtouren. Um zwei Uhr morgens beginnt dort ein Elternabend, bei dem die letzten Details geklärt werden. „Es wurden alle ganz in Ruhe aufgeklärt und es gab für jeden Fall ein Notfallszenario. Der Leiter des Gesundheitsamtes hat dabei ganz viel Ruhe ausgestrahlt“, lobt Andreas Berndt. „Beim Elternabend stellte sich heraus, dass ein Schüler nicht zuhause in Quarantäne konnte. Spontan haben ihn andere Eltern aufgenommen. Das war der Hammer, das hat mich total begeistert, wie solidarisch die Eltern waren, obwohl sie ja nicht wussten, ob die Schüler infiziert sind oder nicht“, erinnert sich Lehrerin Johanna Albers.

Als der Bus eintrifft, erwartet die Schüler ein Bild, dass sie wohl nicht wieder vergessen werden. Die Polizei kontrolliert den Zugang zum Gelände, der Hof ist von der Feuerwehr taghell beleuchtet. Mitarbeiter des Gesundheitsamtes warten in Schutzausrüstung. In einer Halle sind mit Trennwänden Untersuchungsräume eingerichtet worden. „Wir hatten die ganze Zeit ein Gefühl von Sicherheit. Bevor wir einzeln aus dem Bus konnten, hat uns ein Mann vom Gesundheitsamt erklärt, was gleich passiert und uns mit Wasser versorgt. Wir fühlten uns sehr sicher, obwohl die Lage sehr ernst war“, blickt Schülerin Celina Hackmann zurück. In der Halle wird Fieber gemessen und ein Abstrich für den Corona-Test gemacht. Dann dürfen die Schüler, ausgestattet mit einem Mundschutz, zu ihren Eltern.

Nach wenigen Tagen liegen alle Testergebnisse vor: sie sind negativ. Da die Tests aber oft erst ausschlagen, wenn sich Symptome zeigen, folgt die zweiwöchige Quarantäne, getrennt von Eltern und Freunden, für alle Kursteilnehmer. „Das war sehr einsam. Ich hatte zuhause mein eigenes Badezimmer, wo nach der Benutzung immer alles desinfiziert wurde. Tagsüber habe ich im Garten gearbeitet, gut, dass wir so ländlich leben. Nach drei Wochen habe ich das erste Mal meine Mama wieder drücken dürfen“, sagt Celina Hackmann. „Für die Schülerin mit dem skibedingten Bruch wurde im Krankenhaus extra ein Bereich eingerichtet, in der sie trotz Quarantäne behandelt werden konnte“, betont Fahrtorganisator Frank Breher.

Nach der Quarantäne war die Welt für die BBS-Schüler und ihre Lehrer eine andere. „Als wir wieder raus durften, waren fast alle Freiheiten weg. Wir kamen von der Kursfahrt im Skigebiet, wo immer was los war, dazu, dass überhaupt nichts mehr los war“, wunderte sich Celina Hackmann. Inzwischen war der Schulbetrieb eingestellt, alle größeren Veranstaltungen abgesagt, Geschäfte und Gastronomien geschlossen und Auslandsreisen untersagt. Das öffentliche Leben war zum Stillstand gekommen, man durfte nur noch einzeln zum Einkauf und dort boten leere Regalwände, wo sonst, Klopapier, Mehl und Desinfektionsmittel angeboten wurden, ein einschüchterndes Bild. Vom schrittweisen Übergang in diese Situation haben die Kursteilnehmer nur durch die Nachrichten und von ihren Angehörigen erfahren. „Wir kamen aus der Quarantäne und überall hing auf einmal Plexiglas und es gab Wachleute vor Supermärkten. Beim Arzt hat man mir später mal erzählt, dass da in Südtirol doch so eine Klassenfahrt ins Risikogebiet stattgefunden hat. Wie kann man nur so doof sein, meinte man“, sagt Lehrer Olaf Kummer grinsend. Heute weiß er, dass der erste bestätigte Coronafall in der Region am Zielort erst einige Wochen später registriert wurde. „Und bis heute gab es an unserer Schule keinen bestätigten Coronafall“, betont Dr. Andreas Berndt dankbar.

Und was bleibt von der „Corona-Klassenfahrt“, einer der letzten die im Landkreis bis heute stattgefunden haben? „Unsere Gemeinschaft ist dadurch sehr stark geworden. Wir alle hoffen jetzt darauf, dass die Maßnahmen bald wieder gelockert werden und wir uns alle zusammen treffen können“, hofft Celina Hackmann. „Es war eine Klassenfahrt, die man so bestimmt nicht wieder vergisst“, findet auch Schülerin Luisa Debbeler. Und auch ihre Lehrerin blickt positiv zurück: „Es war eine schöne Zeit in Südtirol unter schwersten Bedingungen. Die Schüler haben das aber wirklich toll gemacht und sich gegenseitig dabei unterstützt, sich an alle Maßnahmen zu halten, um gesund zu bleiben. Es war schön, aber hoffentlich erleben wir so etwas nie wieder“, ergänzt Lehrerin Johanna Albers. Und für den stellvertretenden Schulleiter, der von Cloppenburg aus vieles organisierte, bleibt vor allem die Ankunft der Schüler im Gedächtnis: „So einen Elternabend um 2 Uhr morgens wird es wohl nie wieder geben.“